17/04/2022
Gedanken zu Ostern
von Dave Pillmayer
aus dem Lebensraum Röblingen
Es ist ja mittlerweile ein geflügelter Witz, dass die Ostersüßigkeiten in den Regalen der Supermärkte zu finden sind, sobald die Weihnachtsleckereien sie verlassen haben. Den Kern
dieser Witzelei zu untersuchen, ist jedoch eine Annäherung an die tatsächliche Gleichschaltung
unserer Festtage.
Ich persönlich bin konfessionslos aufgewachsen, mein Erleben von Ostern war also in der Wahrnehmung zuerst frühkindliche Neugier bei der Suche von Eiern im glücklicherweise großen heimischen Garten, die sich dann im Laufe der Jahre zu einem pflichtbewussten Einfordern von Fresskörben wandelte. Das kann natürlich mehr über mich, als über die Festtage an sich aussagen, trotzdem stelle ich mir nun, mit fast drei Jahrzehnten Abstand, ohne Osterfeierlichkeiten, ohne säkularen Überbau wie bei vielen Feierlichkeiten die Fragen:
Was feiern wir da eigentlich, und worin könnte das Geschenk des Moments liegen, wenn wir auf diese Frage keine Antworten außer alter Geschichten und blinden Konsum haben?
Für mich ist Ostern gleichbedeutend mit dem Aufbruch des Frühlings.
Was sich in den letzten Wochen zart im Vorfrühling in den Blüten von Schneeglöckchen und Krokussen angedeutet hat, buhlt nun mit steigender Pracht um unsere Sinne. Den grauen Monaten folgen nun in schneller Abfolge die buntgetupften Farbprachten von Kräutern und Blumen auf Wiesen und Gärten, erste Obstbäume kleiden sich vornehmlich weiß und pink, und Laubbäume stechen mit jungem Grün in unser Auge.
Es ist dieses Stürmen und Drängen in der Natur, dass mich den Anbruch einer neue Zeit spüren lässt. Dass die winterliche Einkehr in die heimische Höhle, die schützende Hülle unserer Wohnstätte, Freundeskreise und Familienband, und das Verweilen in Gedanken, Plänen und Vorhaben nun einen Aufbruch erfährt. Mit fast schon rauschvoller Dringlichkeit werfen wir den Ballast und das Dunkle dieser Zeit ab, und bringen die Blüte dieser Zeit ans Tageslicht.
Nicht nur metaphorisch und optisch erfahrbar, auch die Gerüche der Welt umgarnen uns wieder, und allerlei Tiere feiern die Rückkehr des Lichts mit Gesang und Gesumme. Wie könnte man da die hormonelle Wallung des eigenen Körpers nicht spüren?
Wieder jung sein, sich in das Leben selbst verlieben, das ist die Qualität dieser Zeit. Die Welt ist auf begeisternde Weise dramatisch, wenn Temperaturen und Jahreszeiten mitunter im Stundentakt das Bühnenbild unserer Gefühle wechseln.
Was wir dafür tun müssen? Nichts, außer mit offenen Sinnen bereit zu sein.
Ich schaue mir gerne Kinderspiele und Traditionen gerne als das an, was sie sein könnten, wenn die Natur sie uns lehrte. Da sehe ich Kinder mit weiten Augen durch die Wildnis unserer Gärten streifen. Sie mögen zwar das eine suchen (in unserem Fall Eier), doch was ihren geschärften Sinnen unterwegs begegnet sind unzählige Wildkräuter, umherstreifende Insekten und singende, nestbauende Vögel. Was hindert uns daran gemeinsam mit ihnen diese Welt wieder zu entdecken, eventuell mit Bestimmungsbüchern in der Hand? Wie heißt dieser Baum, in dessen Astgabel das Ei liegt und welcher Käfer krabbelt darüber hinweg? Wenn es Fragen sind, die unseren Weg definieren, dann beginnen wir hier die richtigen Fragen für ein verbundeneres Miteinander in der Natur zu stellen. Erst, wenn uns die Wunder unserer Umwelt bewusster werden, kann sie uns wichtig genug sein, sie als schützenswerten Lebensraum zu betrachten.
Und vielleicht beginnen wir dann an Ostern wieder weniger das Nehmen und Naschen in den Vordergrund zu stellen, sondern geben jenen etwas wieder, die unsere Jahreszeiten so maßgeblich mitgestalten. Indem wir Bäume pflanzen, Nistplätze und Insektenhotels bereitstellen, und vor allem dieses Wissen als wahre Ostereier durch die Generationen, durch jegliche Konfession und alle Sprachbarrieren hinweg durch reichen.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein freudvolles Frühlingserwachen und wunderbare Gespräche über das gemeinsame Staunen.
Autor: Dave Pillmayer