07/08/2021
Pilz gegen Baum
Der Berg-Ahorn in Deutschland wird von einer rätselhaften Pilzerkrankung befallen. Der Verlauf ist für die Bäume immer tödlich. Und womöglich besteht sogar Gefahr für den Menschen.
Von Lutz Bernhardt
6. August 2021 - 10 Min. Lesezeit
Es ist ein ungewöhnliches Geräusch, das Ludwig Strasser aufhorchen lässt: „Da ist es wieder. Dieses helle Klackern, das ist kein typisches Waldknarzen. Das sind tote Äste, wenn der Wind sie gegeneinanderschlägt. Lasst uns mal ein paar Meter weitergehen, das wird zu gefährlich.“
Strasser, Forstwissenschaftler bei der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forst, ist mit einem kleinen Forscherteam in einem Waldstück in der Nähe von Würzburg unterwegs. Sie verlassen zügig die Gefahrenzone und gehen in Richtung Waldrand. Und tatsächlich: Wenige Augenblicke später gibt es ein lautes Knacken, und eine Baumspitze kracht durch den Bestand – glücklicherweise in einiger Entfernung.
Der Wind weht eigentlich nicht stark an diesem sonnigen Tag im späten Frühjahr. Auf dem Waldboden leuchten weiße, gelbe und blaue Blüten von Buschwindröschen, Hahnenfuß und Immergrün. Doch etwas stört die Idylle:
Foto: Lutz Bernhardt
Zwischen gesunden alten Eichen und Hainbuchen stehen tote Bergahorne.
Unzählige. Lange Baumgerippe, einige im Kronenbereich umgeknickt, sodass die Spitze nur von den Ästen des Nachbarn gehalten wird. Die kleinste Bewegung, und armdicke Knüppel und ganze Kronen gehen zu Boden.
Acer pseudoplatanus, der Bergahorn mit dem typischen fünf-lappigen Blatt, kann auf gut durchfeuchteten Schuttböden in Bergtälern stolze 500 Jahre alt werden. Hier, auf der Fränkischen Platte, stirbt er gerade mit nicht mal 40 Jahren – und ja, es ist ein Massensterben.
Es ist das Werk von Cryptostroma corticale, dem rätselhaftesten Krankheitserreger, mit dem sich Baumkundler und biologische Labore in Deutschland derzeit beschäftigen. Ein Schlauchpilz, der in Deutschland im Jahr 2005 in Baden-Württemberg erstmals als Schädling auftauchte. Sicheres Erkennungszeichen sind die auffälligen Sporenlager, pudrig-schmierige schwarz-braune Beläge, die die Rinde aufplatzen lassen und große Flächen am Stamm bedecken können.
Foto: Nicole Burgdorf/LWF
Foto: Nicole Burgdorf/LWF
Daher der Name: Rußrindenkrankheit.
„Gruselig“ nennt die Biologin Nicole Burgdorf „die Rußrinde“.
Geschockt sei sie gewesen, als sie erstmals in Franken in einem befallenen Bestand gestanden hat. Sie, Ludwig Strasser und der Umweltwissenschaftler Enno Mager bilden das Kernteam eines im April gestarteten Forschungsprojekts der Bayerischen Landesanstalt, das drei Jahre lang das Gefährdungspotenzial des neuen Erregers untersuchen soll.
Gefährdet ist der deutsche Wald ohnehin. Auch wenn es in diesem Jahr ausgiebig regnet, sind die Schäden der letzten Dürreperioden unübersehbar. Fast alle Baumarten, Laub- wie Nadelhölzer, wurden anfällig für alle möglichen Erreger oder Schädlinge. Manche Arten zeigen neue komplexe Krankheitsbilder, die, wie bei der Buche, längst nicht entschlüsselt sind. Andere, wie die Fichte, wurden massenhaft von alten Bekannten angegriffen, Buchdrucker und Kupferstecher. Hinzu kommt die Sorge vor weiteren invasiven Arten – Pilze, Insekten oder Bakterien –, die hier fatale Schäden anrichten können. Aktuell diskutiert die Fachwelt unter dem Stichwort Eschentriebsterben, wie viel Esche wohl noch übrig bleiben wird, wenn das aus Ostasien über Polen eingewanderte Falsche Weiße Stängelbecherchen sein tödliches Werk in Deutschland vollendet hat – auch das ein Pilz.
Die Eiche leidet unter einer neuen Mehltau-Art, die erstmals in Frankreich vor elf Jahren nachgewiesen wurde. Ein Pseudomonas-Bakterium sorgt für Schleimfluss bei der Rosskastanie. Das Ulmensterben hat seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Berg- und Flatterulmen in den Wäldern weitgehend vernichtet. Ein bakterieller Feuerbrand bedroht Wildobstarten. Und die Erle wird seit einem Erstbefund im Jahr 1993 in Großbritannien in ganz Europa von einem Algenpilz heimgesucht.
Und jetzt also Cryptostroma beim Ahorn, dessen Sporen unterm Mikroskop wie schwarz umrandeter Sesam aussehen.