14/03/2026
Der Moment, in dem der Diesel zur Charakterprüfung wird
Ich stehe an der Zapfsäule mit meinem LKW, halte den Zapfhahn in der Hand und schaue auf diese Anzeige.
975 Euro.
Nicht für eine Woche Urlaub auf Mallorca.
Nicht für einen gebrauchten Kleinwagen.
Nein. Für einmal Luft holen an der Zapfsäule.
451 Liter. Preis pro Liter 2,159 Euro.
Früher hätte man bei so einer Summe wenigstens ein Fahrrad dazu bekommen. Heute bekommst du dafür nur die Gewissheit, dass der Tank danach immer noch nicht richtig voll ist.
Als Fernfahrer entwickelt man mit der Zeit eine sehr spezielle Beziehung zu Zapfsäulen. Früher war das eine Art Routine. Man fährt ran, tankt, bezahlt, fährt weiter. Ein normaler Bestandteil des Jobs.
Heute fühlt sich das eher an wie ein Besuch beim Zahnarzt. Man weiß genau, es wird gleich weh tun, aber man hofft trotzdem irgendwie, dass es vielleicht doch nicht so schlimm wird.
Spoiler
Es wird immer schlimmer.
Und während ich da so stehe und der Diesel langsam durch den Schlauch gluckert, fängt im Kopf automatisch die Rechenmaschine an zu arbeiten.
975 Euro für 451 Liter.
Ein moderner Fernverkehrs-LKW nimmt locker 400 bis 1200 Liter auf.
Das heißt, wenn man den wirklich voll macht, reden wir mittlerweile über Beträge, bei denen früher eine komplette Klassenfahrt organisiert wurde.
Und jetzt kommt der Teil, der für Außenstehende oft unsichtbar ist.
Der Spediteur zahlt das natürlich erst einmal. Aber Speditionen sind keine Gelddruckmaschinen. Das sind Unternehmen mit oft brutal engen Margen. Zwei, drei Prozent Gewinn sind in der Branche schon ein Grund, abends ein Bier aufzumachen.
Wenn der Dieselpreis also durch die Decke geht, passiert Folgendes.
Die Kosten der Spedition steigen sofort.
Die Preise für den Transport steigen dagegen nur sehr langsam. Wenn überhaupt.
Der Kunde sagt dann gern mal
„Ja, aber der Wettbewerb ist doch auch noch da.“
Und der Wettbewerb sagt
„Ja, aber wir fahren auch nicht mit Luft.“
Das Ergebnis ist ein wirtschaftliches Tauziehen, bei dem am Ende meistens drei Gruppen verlieren.
Die Spedition.
Der Fahrer.
Und irgendwann auch der Kunde.
Denn Transporte verschwinden nicht einfach. Alles, was im Supermarkt steht, im Baumarkt liegt oder morgens beim Bäcker auf dem Blech landet, ist vorher irgendwann auf einem LKW gewesen.
Wenn der Dieselpreis also steigt, wandert diese Rechnung langsam durch die gesamte Wirtschaft.
Vom Tank in die Kalkulation der Spedition.
Von der Kalkulation in den Frachtpreis.
Vom Frachtpreis in den Produktpreis.
Und irgendwann steht jemand im Supermarkt vor einem Joghurt und denkt sich
„Warum kostet der jetzt plötzlich mehr?“
Die Antwort beginnt oft genau hier.
An einer Zapfsäule.
Mit einer Zahl wie 975 Euro.
Ich habe dann den Zapfhahn wieder eingehängt, noch einmal auf die Anzeige geschaut und kurz überlegt, ob ich vielleicht doch anfangen sollte, mit Hafermilch zu fahren.
Aber ich fürchte, mein LKW hat dazu eine sehr klare Meinung.
Er trinkt Diesel.
Und zwar wie ein Elefant nach einer Wüstenwanderung.
© Der rollende Rhetoriker – 13.03.2026 – Alle Rechte und Unrechte vorbehalten.
Kleiner Spartipp am Rande. Wenn der Dieselpreis weiter steigt, tanken wir bald nicht mehr voll. Wir schließen einfach Ratenverträge mit der Zapfsäule.