16/07/2022
wandergedanken.de: Mensch bin ich alt geworden – Je t‘aime statt Layla
Das Leben ist zum Leben da, es ist alles, was wir haben. Also vergeuden wir keine Zeit. Neben den Wanderausrüstungsherstellern gehören zweifelsohne auch Kajak- und Kanu-Verleiher zu den Gewinnern der Coronakrise. Also, warum nicht einmal Wandern auf dem Wasser in einem Canadier-Kanu?
In meinem Lebensabschnitt so kurz vor der Rente bin ich in einer Phase meines Lebens eingetreten, wo ich mich frage, wie viel Zeit mir noch bleibt?
Nicht mehr lange, wenn ich auf meinen Körper höre, der beim paddeln zahlreiche Muskeln beansprucht, die ich wahrscheinlich seit über 30 Jahren (meine letzte Paddeltour als sogenanntes „Teambuilding-Event“) nicht mehr beansprucht habe. Ich bin kein „Hüter der Erinnerungen“, zumal man im Alter sich nur noch an die schönen Dinge im Leben besinnt. Aber ich gehöre noch zur Generation „Opa erzählt vom Krieg“ und bin doch sehr erstaunt, wenn ich aktuell aus grünem Regierungsmund hören muss: „Hoffentlich wird Deutschland nicht kriegsmüde“. Ehrlich, ich bin mein Leben lang schon kriegsmüde.
Alles im Fluss – mittendrin im Paddelrhythmus mit meinem Kumpel Andreas. So zwischen blühenden Seerosen, gigantischen Trauerweiden am Ufer, staunenden Haubentauchern und majestätischen Fischreihern, die im wiegenden Schilf auf ihre morgendliche Beute warten, kann ich meinen „Wasserwandergedanken“ freien Lauf lassen. Was bewegt mich?
Ich bin nicht der Titan Atlas aus der griechischen Mythologie, der die gesamte Last der Erde auf seinem Rücken trägt. Auch wenn ich nach nur einer Stunde Paddeltour mir sicher ähnlich anstrengende Gesichtszüge und lautes Stöhnen entgleiten. Meine Gedanken schweifen zurück in meine Jugend, als so eine Tour wie heute auf der Gose- und Dove-Elbe, für mich noch keine Tortur war.
Früher war auch nicht alles besser in Sachen Umwelt und Klima. Immer wenn ich kleine Kinder am Hamburger Stadtstrand, dem Falkensteiner Ufer, fröhlich in der Elbe baden sehe und daneben ihre strahlende Eltern, erinnere ich mich an meine Kindheit. Damals durfte kein Kind in der Elbe baden, ich wäre wohl mit verätzter Haut aus dem Fluss gestiegen. Damals sagten wir: „In der Elbe kann man Farbfilme entwickelt“ und da heute in der digital dominierten Welt, keiner mehr weiß, was ein Farbfilm ist: Damit haben wir früher Fotos gemacht, keine Selfies und für die Entwicklung der Filme brauchte es nicht nur viel Zeit und Geduld, sondern auch jede Menge Chemie. Und davon hatte die Elbe in meiner Jugend noch reichlich. Ich erinnere mich an Elb-Angler, die mir Fische mit blumenkohlartigen Geschwüren am Kopf gezeigt haben. Vielleicht kommt daher meine innere Abneigung gegen Fisch?
Ich bin ein Hamburger Jung, genauer gesagt ein waschechter Harburger. Also in der Großstadt aufgewachsen. Heute haben hier viel zu viele Menschen vergessen, wie man richtig läuft. Sie starren nur noch auf ihr Handy und sie sind es gar nicht mehr gewohnt, richtig zu gehen und die Stadt und ihr Umfeld wahrzunehmen. Mein Handy halte ich beim Telefonieren noch ans Ohr und nicht waagerecht vor dem Gesicht auf Lautsprecher gestellt, das in 50 Meter Umkreis jeder mithören muss. Früher haben sich zwei Leute auf der Straße, die aufeinander zugegangen sind, zur Seite bewegt, um aneinander vorbeizukommen. Heute ist das nicht mehr so, da frage ich mich, wie haben die das bisher überlebt?
Die Winnetou-Filme haben mich in der Jugend begeistert und auf dieser idyllischen Paddeltour fällt mir eine Szene aus Winnetou I ein. Old Shatterhand kämpft mit einer Kanufahrt gegen Intschu-Tschuna, den Vater Winnetous, um das Leben und den Tod seiner Freunde. Wir kämpfen inzwischen gegen den auffrischenden Wind an, der unser kleines Kanu an das Ufer treiben lässt. Kino und Theater haben mich in der Jugend begeistert. Denn ich bin noch ins Theater gegangen, um großartige, virtuose Schauspieler zu sehen, die mir etwas vorspielten und nicht wie heute Projekte und politische Empfindlichkeiten eines Ensembles zu erleben.
Wir leben in einer Welt, wo nicht mehr das Kunstwerk, die Musik oder die bildende Kultur wegen ihrer Inhalte begeistert abgefeiert wird, sondern wir applaudieren nur noch für die Anzahl der Klicks im Netz. Für mich bedeutet das, nicht die Qualität ist für die Menschen mehr entscheidend, sondern die Quantität.
Was mich noch nervt, ist das typisch Deutsche-180-Grad-Pendel. Wir haben nur noch die Chance, sich für Schwarz oder Weiß zu entscheiden. Nie mehr für Grau, denn anders als im wirklichen Leben, kommt das Pendel nicht mehr zur Ruhe. Wir entscheiden also zwischen „Was du da von dir gibst, ist schlecht, du musst sterben!“ Und was du sagst, ist unwidersprochen das Beste, was ich je gehört oder gelesen habe.“ Es scheint in der Natur von uns Menschen zu liegen, für alles einen Sündenbock zu suchen.
Für unseren neuen Kanu-Zickzack-Kurs habe ich meinen persönlichen Sündenbock gefunden. Mein Vordermann paddelt wie ein Sklave (darf ich das so noch sagen?) auf einer römischen Galeere. Er hat aber kein Rhythmusfeeling, das muss ich als alter, ehemaliger Schlagzeuger immer wieder ausgleichen.
Im großen Vergleich Kindheit – heute, freue ich mich, dass einiges sicher bald eine Renaissance, eine Wiedergeburt erleben wird. Zum Beispiel die in leuchtend Orange warnenden Aufkleber auf Mülltonnen: „Keine heiße Asche einfüllen“. Wenn wir bald alle wieder mit Kohle und Briketts heizen werden und die neue Gender-Generation Kohle aus dem Keller in den 4. Stock hochschleppen muss, damit es warm wird. Auch der Ausruf von Kindern: “Mutter, der Mann mit dem Koks ist da!“ bekommt eine neue Bedeutung. Kohle und Kohlekraftwerke sind also wieder hip, selbst bei den grünen Lastenfahrrad-Fans. Vielleicht erleben der Ruhrpott und die Zeche „Nordstern“ in Gelsenkirchen eine Auferstehung. „Glück auf Kumpels!“.
Und noch etwas kommt hoffentlich durch Energiekrise zurück: Fußballspiele in der Bundesliga ohne Flutlicht und ohne energiefressende Rasenheizung. Im Winter auf Schnee spielen mit dem guten alten roten Lederball für die TV-Zuschauer.
Ja, auch die öffentliche „Musikpolizei“ gab es schon in meiner Jugend. Damals mit „Je t’aime“ statt Ballermann-Layla. Ein Duett von Schauspieler, Schriftsteller und Chansonnier Serge Gainsbourg, damals durften wir noch Frauenheld sagen, und der jungen Jane Birkin. Ein Skandal-Song von 1969, in der Zeit der neuen Aufklärung mit Softpornos wie „Schulmädchen- und Hausfrauen-Report“. Gainsbourg singt: „Wie die ziellose Welle gehe ich, ich gehe und komme zwischen deinen Lenden“. Und Jane Birkin haucht zum Schluss: „Maintenant, viens!“ („Jetzt, komm!“). Dagegen ist die „geile Leyla“ langweilig wie Kartoffelpüree beobachten, der im Thermomix vor sich hin dünstet.
Selbst der Papst hat sich bei „Je t’aime“ noch persönlich eingeschaltet und der Plattenchef wurde exkommuniziert. Übrigens, im Mittelalter hat man schlechte Musik mit den Daumenschrauben einer „Schandflöte“ bestraft, vielleicht gibt es davon in München, Düsseldorf, Würzburg und rund um den Lerchenberg in Mainz noch welche im Museum…
Wir machen eine kleine Paddelpause und ich bleibe an Bord, damit das Kanu nicht kentert. Wir verputzen zwei lasche Käsebrötchen. Unsere Stärkung für die Rückfahrt. Dabei erinnere ich mich an meine Schulstulle mit Tilsiter, die so streng gestunken hat, wie ein Schlafsaal auf einer Berghütte nach einer einwöchigen Alpenüberquerung. Und sie hat mir trotzdem irgendwie besser geschmeckt. Heute haben die Käsesorten tollen Namenkombinationen aus „Land, Grün und Weide“, schmecken aber alle immer gleich langweilig: Hauptsache cremig und nicht stinkend! So lieben es die Deutschen. Fragt doch bitte mal die Franzosen zu unserem Käsegeschmack. Unsere beiden belegten Brötchen to Go haben knapp 6 Euro gekostet. Über das Glück, sich als Jugendlicher mit einem 10-Mark-Schein in der Hand richtig reich zu fühlen, will ich hier gar nicht erst philosophieren.
Einmal mit dem Kanu durch das Regierungsviertel in Berlin paddeln, aber Berlin ist inzwischen unbezahlbar. Da überlasse ich inzwischen, wie Entertainer Harald Schmidt, die Hauptstadt Berlin den woken, jungen, aufbrechenden Menschen. Ich selbst reise gerne auf meinem persönlichen Bummel durch Deutschland in kleinere Kreisstädte und Orte, in denen purer Realismus das Tagesgeschäft bestimmt.
Und wozu eigentlich noch ein Elektroauto anschaffen? Bis ich die reale positive CO2-Bilanz der Karre erreicht habe, liege ich wahrscheinlich schon unter der Erde. Ich gehe zu Fuß durch unser Land, das muss hier reichen und den Rest soll die „Fridays for Future-Generation” hinbekommen. Die schaffen das!
Aber wie heißt es so schön im neuen Habeck-Sprech: „Man muss ja lernfähig bleiben…“