28/02/2022
800 Mio. Euro für eine Ost-West-U-Bahn, 15 Jahre Bauzeit und am Ende fährt keine Bahn zusätzlich?
Ja, so ist es offenbar (oder zumindest fast)! Warum, hier im Einzelnen:
In einem U-Bahn-Tunnel können maximal 30 Bahnen pro Stunde je Richtung fahren, also alle 2 Minuten eine. Addiert man beide Fahrtrichtungen zusammen, können also 60 Bahnen pro Stunde fahren. Dies ist in Köln derzeit auf der Nord-Süd-U-Bahn von Appellhofplatz über Neumarkt zur Poststraße der Fall. Dort fährt die Linie 18 im 5-Minuten-Takt und die Linien 3, 4 und 16 im 10-Minuten-Takt. Macht 12 Bahnen auf der Linie 18 pro Stunde je Richtung und auf den Linien 3,4 und 16 jeweils 6 Bahnen pro Stunde je Richtung, also insgesamt 30 je Stunde je Richtung. Mehr geht (offenbar) nicht.
Nur: Auf der bestehenden oberirdischen Ost-West-Strecke fahren zwischen Neumarkt und Deutzer Freiheit bereits jetzt 30 Bahnen pro Stunde je Richtung (in der Hauptverkehrszeit). Die Linien 1 und 9 fahren im 5-Minuten-Takt, die Linie 7 im 10-Minuten-Takt. Macht jeweils 12 Bahnen pro Stunde je Richtung auf den Linien 1 und 9 und 6 Bahnen pro Stunde je Richtung auf der Linie 7, also insgesamt 30 pro Stunde je Richtung. Ein Tunnel zwischen Heumarkt und Neumarkt würde daran überhaupt nichts ändern!!! Taktverdichtungen wären auf diesem Streckenabschnitt ausgeschlossen. Daher sind auch Taktverdichtungen ins Rechtsrheinische nicht möglich. Auch neue Linien für die Bedienung von Neubaustrecken wie z.B. nach Neubrück wären weiterhin nicht möglich.
Die Stadtverwaltung hat im Rahmen der Fachgespräche zum Projekt „Kapazitätserweiterung auf der Ost-West-Achse" vom 11. Mai bis zum 13. Mai eingeräumt, dass durch ihre U-Bahn-Pläne eine Taktverdichtung nicht möglich wäre. Im Ergebnisprotokoll heißt es unter TOP 4, Teil Planungsabschnitt Innenstadt oberirdisch & unterirdisch: "Die Takterhöhung der Stadtbahnlinie 1 ist sowohl im Tunnel als auch an der Oberfläche aufgrund des gemeinsamen Fahrweges mit den Stadtbahnlinien 7 und 9 nicht möglich. Für eine Takterhöhung müssten die Bahnanlagen von der Haltestelle Neumarkt bis einschließlich zur Haltestelle Deutzer Freiheit durchgängig mit vier Gleisen ausgerüstet werden. Das ist nicht Planungsgegenstand." Hier ein Link zum Protokoll: https://www.stadt-koeln.de/mediaasset/content/pdf66/umgestaltung/ost-west-achse-ergebnisprotokoll-fachgespraeche-2022-05-11.pdf?fbclid=IwAR3Bwkt_q7CtiTyemnBrFaYziPmuZ_YegOH3nYJNMEvLPYFqPn4Kw23EJBg
Hierzu ist anzumerken:
Bei der bestehenden oberirdischen Strecke reicht der Engpass der Ost-West-Strecke, der von allen drei Linien (1,7 und 9) befahren wird, von der Deutzer Freiheit bis zum Neumarkt. Unmittelbar hinter dem Neumarkt zweigt die Sülzer Strecke (Linie 9) ab. Deshalb erscheint es möglich, durch einen Um- und Ausbau der oberirdischen Gleisanlagen auf dem Neumarkt linksrheinisch die Linie 1 auf der Aachener Str. bis zum Neumarkt zu verstärken. Es könnten 6 bis möglicherweise maximal 12 Bahnen zusätzlich pro Stunde je Richtung fahren (bei 12 Bahnen zusätzlich wäre man zwischen Neumarkt und Braunsfeld wieder bei den 30 Bahnen pro Stunde je Richtung). Mit 6 zusätzlichen Bahnen pro Stunde je Richtung könnte auf der Linie 1 ein 3/3/4-Minuten-Takt verwirklicht werden, der bis Braunsfeld durch die Linie 7 zu einem 3/3/2/2-Minuten-Takt ergänzt würde.
Bei einer U-Bahn kann es (nur) dann Verstärkungen geben, wenn die Sülzer Strecke weiterhin am Neumarkt abzweigt und mit einer Rampe im Mauritiusviertel (oder weiter Richtung Universität) an die Oberfläche geführt wird. Außerdem müsste der U-Bahnhof Neumarkt wohl mit 3 oder sogar 4 Gleisen ausgestattet werden. Dann könnten gegenüber dem heutigen Zustand 6 bis maximal 12 Bahnen pro Stunde je Richtung zusätzlich in den Kölner Westen fahren - genauso wie bei einem Ausbau der oberirdischen Gleisanlagen am Neumarkt. Bei 12 zusätzlichen Bahnen pro Stunde je Richtung würde man wieder das Maximum von 30 Bahnen pro Stunde je Richtung zwischen Neumarkt und Braunsfeld erreichen. Auch linksrheinisch werden also durch eine U-Bahn nicht mehr Bahnen fahren können als oberirdisch (oder allenfalls nur sehr wenige, wenn bei einer oberirdischen Lösung nicht ganz 12 Bahnen zusätzlich pro Stunde je Richtung erreicht würden, dies bei einer U-Bahn hingegen möglich wäre).
Zweigt die Strecke nach Sülz bei einer U-Bahn hingegen erst am Aachener Weiher ab (sog. große Tunnellösung A), wären gegenüber dem heutigen Zustand überhaupt keine Verstärkungen der Linie 1 auf der Aachener Str. bis Neumarkt möglich. Denn dann würde der Engpass der Ost-West-Strecke, der von allen drei Linien 1, 7 und 9 befahren wird, vom Neumarkt bis zum Aachener Weiher verlängert. Dieser wäre mit der bisherigen Taktung der Linien (1 und 9 alle 5 Minuten in der Hauptverkehrszeit, 7 alle 10 Minuten) bereits ausgelastet. Man wäre wiederum bei den 30 Bahnen pro Stunde je Richtung, siehe oben. 800 Mio. Euro, um einen Streckenengpass zu verlängern!
Die KVB scheint einzuräumen, dass ihre Pläne für eine U-Bahn keine Takterhöhung zulassen. So heißt es im KVB-Unternehmensblog vom 17. Januar 2017 (zu Beginn des 5. Absatzes): "Was die Ost-West-Achse angeht, so würde allein eine Verlegung der Gleise in den Untergrund das Kapazitätsproblem nicht lösen. Eine Takterhöhung auf dieser Strecke würde dann nach wie vor nicht möglich sein. Eine mögliche Lösung hier sind also längere Züge – bis zu 90m." Hier ein Link zur entsprechenden Webseite der KVB: https://blog.kvb-koeln.de/rush-hour-in-der-innenstadt...
Für die längeren Bahnen (90 m) ist eine U-Bahn jedoch nicht erforderlich. Es ist bereits beschlossen worden, dies oberirdisch umzusetzen. Die erforderlichen Bahnen sind meines Wissens bereits bestellt und sollen ab 2024 ausgeliefert werden. Sie stehen ja dann hoffentlich nicht bis 2037, dem genannten Termin für die Fertigstellung eines Tunnels, im Depot.
Insgesamt betrachtet soll eine gut ausgebaute, leistungsfähige Straßenbahnstrecke, die überwiegend auf eigenem Bahnkörper verläuft, durch eine U-Bahn ersetzt werden. Dies ist Verkehrspolitik aus der Mottenkiste der 70er und 80er-Jahre. Mir ist in Deutschland keine andere Stadt bekannt, in der noch solche Projekte verfolgt werden. In Berlin und München jedenfalls nicht.
Eine Ost-West-U-Bahn macht nur dann Sinn, wenn gleichzeitig die oberirdische Strecke erhalten bleibt, so wie dies ansatzweise der 2-Ebenen-Vorschlag der SPD vorsieht. Allerdings bräuchte man dann vor allem eine U-Bahn vom Neumarkt bis Deutz, weil dies der Streckenengpass ist, und insbesondere den Rheintunnel, nicht aber das Teilstück zwischen Neumarkt und Aachener Weiher. Auch könnte man das Potential, das eine zweite Ost-West-Strecke bietet, besser nutzen, wenn man sie nicht parallel zur oberirdischen Strecke baut. Ein Vorschlag mit einer anderen Streckenführung findet sich im nächsten Beitrag unten oder bei Instagram unter: https://www.instagram.com/ost_west_strecke/