08/10/2026
8. Oktober 1939. Der Krieg ist gerade einmal fünf Wochen alt.
Die polnische Armee ist geschlagen, Warschau hat kapituliert, deutsche Soldaten besetzen das Land. Viele versuchen trotzdem, ihren Alltag wieder aufzunehmen. Sie gehen nach Hause, öffnen ihre Geschäfte, kümmern sich um ihre Familien.
Dann kommt der Erlass aus Berlin.
Hi**er ordnet die Eingliederung großer Teile des besetzten Polens in das Deutsche Reich an. Posen, Pommerellen und Westpreußen, Teile Oberschlesiens und das Gebiet um Ciechanow (Zichenau) werden deutsches Staatsgebiet.
Rund 92.000 Quadratkilometer mit mehr als neun Millionen Einwohnern.
Für die Menschen dort stehen die Häuser am nächsten Morgen noch an ihrem Platz. Die Felder sind dieselben, die Familien wohnen in ihren Wohnungen. Nur der Staat, zu dem sie gehören, ist plötzlich ein anderer.
Und dieser Staat beginnt sofort damit, die Gesellschaft nach seinen Vorstellungen umzubauen.
Polnische Behörden verschwinden, Schulen und Zeitungen werden geschlossen, deutsche Verwaltungen übernehmen. Mit der Deutschen Volksliste wird die Bevölkerung nach rassistischen Kriterien eingeteilt: volksdeutsch, deutschstämmig, „eindeutschungsfähig“ – oder unerwünscht.
Aus dieser Einteilung werden bald konkrete Schicksale.
Im Winter 1939/40 werden im Warthegau zehntausende Polen aus ihren Wohnungen und Höfen vertrieben. Oft bleiben nur Stunden zum Packen. Ein Koffer, etwas Kleidung, persönliche Papiere – dann geht es ins Generalgouvernement. In die geräumten Häuser kommen deutsche Umsiedler aus dem Baltikum und aus Wolhynien.
Während dort Familien ihre Heimat verlieren, wird in Krakau die polnische Elite ausgeschaltet. Am 6. November 1939 verhaftet die SS bei der Sonderaktion Krakau mehr als 180 Professoren und Wissenschaftler. Viele werden nach Sachsenhausen verschleppt, einige überleben die Haft nicht.
Damit ist die Richtung vorgegeben: Enteignung, Vertreibung, Zwangsarbeit und die systematische Zerschlagung der polnischen Gesellschaft.
Zwei Jahre später wird aus dieser Politik offener Massenmord.
Im Dezember 1941 beginnt in Kulmhof, dem heutigen Chełmno, die Ermordung von Menschen in Gaswagen. Wieder im Warthegau, in jenem Gebiet, in dem deutsche Behörden zuvor polnische Familien vertrieben und deutsche Umsiedler angesiedelt hatten.
Vom Erlass zur Vertreibung, von der Vertreibung zum Mord – innerhalb von etwas mehr als zwei Jahren.
Und genau deshalb lohnt sich der Blick zurück auf den 8. Oktober 1939.
Wenn heute über die Vertreibungen von 1945 gesprochen wird, beginnt die Geschichte oft erst dort. Aber warum eigentlich?
Die Vertreibung von Menschen aus ihrer Heimat war im von Deutschland besetzten Polen bereits seit 1939 Teil der deutschen Besatzungspolitik.
Wer 1945 als Ausgangspunkt erzählt, erzählt nur die halbe Geschichte.
Warum wird über die Vertreibungen der Deutschen so viel gesprochen – und über die Vertreibungen, die Deutschland selbst wenige Jahre zuvor in Polen organisiert hatte, so viel weniger?
Unbequeme Frage. Aber genau deshalb sollte man sie stellen.
Foto: Wikimedia Commons